Form&Bedeutung

Was du verstehen musst: Unbekannte Wörter in fremdsprachigen Texten  erkennen, also deren Form und  Bedeutung bestimmen, verlangt die Identifikation ihrer Formseite (Lautkörper, Graphie) in Kombination mit der empfängerseitig von dir zuzuteilenden Bedeutung. Der Ko-Text, d.i. die unmittelbare textliche Umgebung eines Wortes, hilft dem Empfänger, die Mitteilung zu spezifizieren und möglichst eindeutig zu interpretieren. Dies betrifft zunächst die Form (die Oberfläche des Zeichens „Wort“), dann den Inhalt oder die Bedeutung. Wörtern Bedeutung geben ist nicht immer einfach, denn oft meinen dieselben Wörter bzw. Oberflächen in verschiedenen kommunikativen Situationen etwas jeweils anderes: Was meint Bienenstich? Gebäck oder Insektenstich? Der Ko-Text und die Situation (linguistisch: der Kontext) machen es klar: (Beim Bäcker): Papi, ich will einen Bienenstich. – Aber mein Schatz, du hast doch Angst vor Bienen. – Aber Weihnachten doch nicht, dummer Papi. Erst die Bestimmung des Kontextes „Weihnachten“ schafft Klarheit (im Dezember fliegen keine Bienen).

Ist es schon innerhalb einer einzigen Sprache nicht immer leicht, ko-textlich und kontextlich erschließbare Bedeutungen zu erkennen, so erst recht in unterschiedlichen Sprachen.

Auch sog. Formkongruenzen, also Wörter von hoher Ähnlichkeit in verschiedenen Sprachen – dt. Humor und fr. humeur (dt. Laune, am. mood, sp. humor, fr. humour [Witz], Humor, am. humor, sp. humor, dt. Humor) sind in allen Sprachenpaaren einander offensichtlich nicht „hundertprozentig bedeutungsgleich“, obwohl die Oberflächen einander so sehr ähneln, einschließlich der französischen Dublette humeur/humour. Augenfällige Beispiele für Bedeutungsdivergenz liefert die Klasse der „Formgleichen, aber  Bedeutungsverschiedenen“: dt. Gift = en. poison, en. gift = dt. Gabe, fr. sol (Boden) sp. sol (Sonne). Übrigens: Die Interkomprehensionsmethode bekämpft falsche Freunde sehr effizient.

Offensichtlich hat jede Sprache ihr eigenes System und neigt dazu, zwischen ihren Elementen Ökonomie herzustellen. Anders gesagt: Sie passt die Elemente (Wörter, Lautung, Orthographie, Grammatik) an ihr System an. D.h.: Sprache X reagiert nie direkt auf Sprache Y. Du kannst also nie davon ausgehen, dass z.B. in einer Fremdsprache alles genauso funktioniert/benutzt wird, wie in deiner Muttersprache oder einer anderen Sprache, die du bereits kennst. Aber dennoch: Vieles ist ähnlich! Die Sandwich-Methode, die interlinear ein Wort-für-Wort-Übersetzungsmuster bietet, zeigt, die unterschiedlichen Grammatiken in ihrer jeweiligen Eigenart und die innere Logik, die beide Sprachen jeweils in der ihnen eigenen Art ausdrücken:

  1. Est-ce qu’il est venu avec le train?
        Ist dies dass er ist gekommen mit der/dem Zug?
        (Ist er mit dem Zug gekommen?)
  2. Do you like swimming?
        Tust du gerne schwimmen?
        (Schwimmst du gerne?)

Historisch sind Sprachen und Dialekte mehr oder weniger engmaschig miteinander verbunden, wie ein Vergleich der Menschenrechte in verschiedenen Sprachen zeigt.

Was musst du nun konkret tun, um neue Wörter einer neuen Sprache lesend zu verstehen? Dies verlangt, dass du die treffende Kernbedeutung identifizierst. Während dies bei to eat, manger, comer, essen… (Nahrung aufnehmen) keinerlei Schwierigkeiten bereitet, ist dies bei den Entsprechungen zu dt. Mühe anders (es handelt sich im Folgenden um eine unvollständige und ziemlich unsystematische Auswahl für dt. Mühe). Hier die bunte Mischung:

FR IT PT SP EN
effort sforzo custo esfuerzo effort
peine pena esforço labor (fem.) trouble
mal (mask.) fatica labor (fem.) pena pain
se fatiguer… darsi da fare… dar trabalho a molestarse… try hard…

Alle diese Wörter meinen in ihrem Bedeutungskern etwa ‚Mühe – Arbeit – Strafe – Schmerz‘. Es lässt sich denken: Arbeit macht oft Mühe, bringt evtl. Schmerz und kann gar eine Strafe sein. Erst die Ko-Texte und die Kontexte bringen Klarheit darüber, was genau gemeint ist. Was musst du tun, um den Bedeutungskern ‚herauszuschälen‘?

  1. Lege den Bedeutungsrahmen des Wortes weit an, er soll ja alle Bedeutungsmerkmale erfassen.
  2. Achte dabei auf die textliche Umgebung (Ko-Text, Kollokation, Kontext). Erscheint deine erste Interpretation plausibel? Ziehe eventuell Hilfsmittel, z.B. Wörterbücher, heran.
  3. Prüfe, ob der gegebene Sinn in die Gesamtaussage des Textes passt (inhaltliche Plausibilitätsprobe).
  4. Versuche herauszufinden, was die Eigenschaften eines Wortes sind (Wortart, Genus, Konjugation, Transitivität/Intransivität, übergeordneter/untergeordneter Begriff, Wortfamilie und -bildung beschreiben [effort, s’efforcer de f.qc., fort/force], seine Stellung im Satz usw., Wortnetze bilden) (lexikalische Plausibilitätsprobe).
  5. Auch die Wortoberfläche kann eine Hilfe sein: Gibt es ein Prä- oder Suffix? Wie lautet der Wortstamm? Kennst du eine Entsprechung in einer anderen Sprache? Wenn ja, was bedeutet sie?
  6. Differenziere nach möglichen Bedeutungen und konkretisiere den Bedeutungskern, indem du herausfindest, was die möglichen Bedeutungsangebote gemeinsam haben. Im folgenden lautet das übergeordnete Merkmal ’schlecht‘; seine untergeordneten Assoziationen: Anstrengung > Arbeit > tut weh/ist unangenehm > Strafe (disagreable, effort, gives pain, punishment...; sp. malo > duele/dolor > pena (vale la ~…). Erweitere dabei deine Kenntnisse in der Zielsprache und deiner Brückensprache.
  7. Überprüfe dein Ergebnis.
  8. Füge dieses in deine Hypothesengrammatik ein.

Du hast nun im Grunde schon den wesentlichen Unterschied zwischen der rezeptiven (Hören und Lesen) und der produktiven Sprachverwendung (Sprechen und Schreiben) Schreiben erkannt:

beim Hören/Lesen: von der im Text liegenden ko-textlichen Bedeutung → mehrsprachigen Kernbedeutungen durch Ko-Textanalyse und Abgleich mit möglichen Transferbasen → Bedeutungsdifferenzierung u. -konkretion

beim Sprechen/Schreiben: Kontextanalyse im Sinne von Wer sagt/schreibt Was Wie Wem → von der eigenen sprechintentionalen Bedeutung → Auffinden des passenden Wortes (der Form, der genauen Bedeutung, der lexikalischen und grammatischen Eigenschaften) durch Abgleich der Merkmale für einen zu produzierenden Ko-Text

Viel Erfolg beim Demaskieren der Wörter.

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