Fortgeschrittene

Methodisch verlangt der interkomprehensive Erwerb der Lesefertigkeit in einer neuen ‚unbekannten‘ Sprache das systematische Erschließen derselben auf der Grundlage des einem Individuum verfügbaren lernrelevanten Sprachen- und Inhaltswissens. Grundvoraussetzung für die „Komprehension“ von Sprache, eines fremden Dialekts oder einer Sprache ist die Identifikation ihrer sprachlichen Elemente: Wörter, Vor- und Nachsilben, Verbformen, Satzregeln usw. Geleistet wird konkret ein sog. Identifikationstransfer auf der Grundlage der Verfügbarkeit eines relevanten kognitiven Schemas (Transferbasis). So erlaubt die Kenntnis der deutschen Transferbasen das Verstehen des holländischen Satzes, wie das folgende Beispiel zeigt:

(1) Dit is wat het nieuwste onderzoek zegt over migraine
en hoe het je vandaag kan verhelpen

(2) (Das ist was die neueste Untersuchung sagt über Migräne
und wie es heute kann be??helfen)

(3) (Das ist was die neueste Untersuchung sagt über Migräne
und wie es du heute kannst beseitigen)

Die formale Nähe des niederländischen Satzes erlaubt es Deutschsprachigen, auf den ersten Blick zu erschließen, um was es geht: Hilfe bei Migräne. Grund für das Verstehen sind, wie gesagt, deutsche Transferbasen: das/dies (dit), ist (is), das (het), neueste, Untersuchung, sagt, über... Versperrend (opak) ist nl. vandaag. Intelligentes Raten führt zur Hypothese ‚Freitag‘ über fr. vendredi. Diese Hypothese erweist sich als falsch (unbrauchbar), weil sie keinen akzeptablen Sinn ergibt. Die Konsultation eines online-Wörterbuchs bringt die Lösung: heute. 

Was du gelernt hast, fasst du nun in einer Hypothesengrammatik zusammen. Sie kann etwa so aussehen:

Zielsprache Transferbasis (Tb) Korrespondenzregel eigener Lernplan
dit dies dt. -s- ~ nl. t
(rhein. dat für das)
überprüfe, ob dt. /s/ nl. /t/ entspricht
dit is wat   Satzsstellung wie dt. Wann ist im NL Satzstellung anders?
het dt.: Artikel + Nomen Form des Artikels Wie ist im NL die Artikel?

Natürlich bedarf die Hypothesengrammatik der Überprüfung. Bediene dich hierzu geeigneter Wörterbücher und Grammatiken. Nimm bei nächster Gelegenheit bzw. deiner nächsten Begegnung mit der Zielsprache die Hypothesengrammatik wieder auf: Löse die Fragen, modifziere sie (wenn möglich) und führe sie weiter. Auf diese Weise setzt du das Sprachenwachstum in Gang. Es wächst mit jedem weiteren zielsprachlichen Text, den du verstehst. Und vergiss nie: Der Feind des interkomprehensiven Ansatzes ist die Zapping-Mentalität („verstehe ich nicht > weg!“).

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