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Auf dieser Seite findest du Anleitungen, die dir helfen, romanische Sprachen zu verstehen:

Wörter verschiedener romanischer Sprachen auf einen Blick hin erkennen und verstehen [1] 

Laut- und Schreibregeln kennen – großen Verstehenserfolg erzielen

Du kannst die Wörter viel leichter behalten, wenn Du über sie nachdenkst und Wörter aus verschiedenen Sprachen – besser: ‚dieselben‘ Wörter in verschiedenen Sprachen, ihre Formen, Bedeutungen und grammatischen Eigenschaften – miteinander vergleichst. Um solche Wörter in unterschiedlichen Sprachen wieder zu erkennen, ist Folgendes zu wissen hilfreich.

Vorab: In den romanischen Sprachen hat das Lateinische das tägliche Leben der Menschen seit jeher ununterbrochen begleitet. Von Wortschatz, Lautstand, Wortbildung und Satzbau her gesehen war indes die Sprache des Volkes – besser: waren die (gesprochenen) Sprachen der romanischen Völkerschaften – weit vom klassischen Latein entfernt, wie es in der Literatur begegnete. Wie sehr die alltägliche Mündlichkeit den ursprünglichen Lautstand veränderte, zeigt anschaulich die Entwicklung von lat. AQUA zu fr. eau, MAND(U)CARE zu fr. manger, it. mangiare. Solche Wörter, die immer in den romanischen Sprachen gelebt haben, heißen Erbwörter (mots populaires). Dem Schriftlatein (das nur ein kleiner Teil der romanischsprachigen Bevölkerung benutzen konnte) blieb es vorbehalten, Sprache der Wissenschaften, der Kirche und des Handels zu sein – und zwar europaweit, also weit über die Romania hinaus. Dieses Latein, das vorzugsweise nur den Lesekundigen begegnete, stand diesen immer zur Verfügung, auch wenn es darum ging, neuen Benennungsbedürfnissen mit neuen Bedeutungen und Wörtern zu entsprechen. Man fand die Vorlagen im lateinischen Schriftwortschatz der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit. Die betroffenen Wörter heißen in der Linguistik Buchwörter und sind oft internationalen Zuschnitts (mots savants internationaux). Die erklärt Dubletten: Neben dem erbwörtlichen mère begegnen buchwörtlich maternel, maternité, matriarchat aus der Wurzel lat. MATER, neben fr. chair (Erstbeleg 1080) begegnet carne (fr. schlechtes Fleisch, it./pt./sp. carne Fleisch schlechthin), beide aus der lateinischen Wurzel CARNIS. Wie du siehst, hat sich besonders das Französische weit von den Formen der lateinischen Großmutter (die Mutter war das sog. Protoromanisch oder Vulgärlatein) fortentwickelt: mère, it./pt./sp. madre; chair/carne, it./pt./sp. carne. Und noch eines: Das Französische ist diejenige romanische Sprache, deren Lautstand sich am weitesten vom klassischen Latein fortentwickelt hat. Wundre dich also nicht, wenn im Folgendem vor allem französische Wörter mit dem Lateinischen verglichen werden.

Hier nun die Regeln zu Lautung und Schreibung in den verschiedenen romanischen Sprachen. Die Regeln betreffen die Erbwörter.

Apropos Vokale oder Selbstlaute [2]
  1. Unterscheide zwischen hellen und dunklen Vokalen: Helle Vokale sind i und e, dunkle sind a, o, u. – Helle Vokale und dunkle Vokale wechseln zwischen Sprachen nie oder nur ganz selten die Gruppe.
  2. Der im Lateinischen manchmal sinnbildende (wichtige) Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen besteht in den heutigen romanischen Sprachen nicht mehr.
  3. Betonte Silben sind stabiler als unbetonte.
  4. Vokale am Anfang eines Wortes sind vergleichsweise stabil: (fourmi, formica, hormiga < *FORMIX, FORMICA); sie ändern sich selten oder nur gering (s. Punkt 6).
  5. Unterscheide zwischen offenen und geschlossenen Silben. Eine offene Silbe endet mit einem Vokal: MA-RIS, PA-TREM, eine geschlossene mit einem Konsonanten MAN-DU-CA-RE; GAS-TRO-NO-MIQ(UE)

A                           > fr. -e-: TÁLEM > fr. tel, it. tale/sp. tal, MA-RE > fr. mer, it. mare/sp. mar;
                                fr. -e- aus lat. -A- ist der einzige Fall der Veränderung eines Vokals                                       (die nicht aufgrund eines Konsonantenausschlusses erfolgt.

  1. Betonte und/oder lange Vokale im Lateinischen neigen zur Veränderung:

A                           > fr. e

I                             > fr. ei/oi: DIGITUS > fr. doigt; DIRECTUS > droit über altfr. dreit.,
                                 pt./sp. dedo, it. ditto bzw. pt. direito, sp. derecho

E                            > ie/e: PEDEM > fr, pied, sp. pie, it. pede

O                           > eu/ue/uo/eau: NOVU(M) > neuf, sp. nuevo, it. nuovo; BONU(M) > beau                                (bon), buono, bom, bueno

U                           > ou/o/u: fr. ours, it. orso, pt. urso, sp. oso

AU                        > o: AURUM > or, sp. oro, it. oro

  1. Doppelvokale entstehen im Französischen oft, im Portugiesischen und Spanischen in folgenden Fällen
    1. durch Wegfall eines Konsonanten zwischen Vokalen (Konsonantenausschluss): CADERE > fr. choir, pt. cair, sp. caer (fallen), CLAUDERE > fr. clore (schließen), PLACÂRE > fr. plaire, en. to please, it. piacere, sp. placer (gefallen), NOCÊRE > fr. nuire, D(I)RECTUS ) oder
    2. durch qualitative Veränderungen der Tonsilben. Anschaulich zeigt dies z.B. die Entwicklung von lat. VITA > afrz. > vida > viða > frz. Oder: FERIA, Ferien > feire, fr. foire, sp. feria, it. fera, e. fair.
  2. Das Portugiesische, Spanische und Italienische halten die lateinischen Formen weitgehend bei oder ändern sie nur schwach ab.
  3. Auch der deutsche ‚Bildungswortschatz‘, soweit er auf das geschriebene Latein oder Altgriechisch zurückgeht, verändert die Vokalqualität nicht. Nur ein Beispiel: PRAEDICARE > dt. predigenprêcher, to preach), sp. predicar, it. predicare.
Apropos Konsonanten oder Mitlaute
  1. Konsonanten sind im Anlaut/am Wortanfang bis auf wenige Ausnahmen stabil.
    1. Veränderungen betreffen in bezug auf Französisch und Englisch am Wortanfang das C > ch: CABÁLLU > cheval, CAT(TUS) > chatcat, it. gatto, sp. gato; CÁNE > chien, it. cane; CAP(I)TE > chef, en. chief, das Spanische und Italienische innovieren nicht (cabo, capo).
    2. in Bezug auf das Italienische: B-, C-, F-, C-, P- plus + L. > bi, ci/chi, fi, gi/ghi: BLANCO > bianco, CLAMARE > chiamare, FLORE(M) > fiore, PLAC(E)RE > piacere, vlat. GLACIA > ghiaccio.
    3. im Hinblick auf das Spanische, Portugiesische und Italienische gilt: CL > ll /l/ llave, llamar > ch- pt. chave, chamar bzw. > chi- it. chiave, chiamare.
  2. Das schon im Lateinischen nicht mehr gesprochene h- taucht in italienischen Erbwörtern nicht mehr auf: it. abitudine, osteria, erede, esitare für fr. habitude, heritier, hésiter.
  3. / fr./it./pt. F am Wortanfang bleibt oder wird im Spanischen zu h- faisons~hacemos, fourmi~hormiga.
  4. Intervokalische Konsonanz erfährt vom klassischen Latein zum Französischen hin augenfällige Veränderungen (vgl. oben Nr. 7), die oft zu ihrem Fortfall führen. I.d.R. gehen dem Konsonantenausschluss „Erweichungen“ voraus. Die romanischen Sprachen gehen in dieser Entwicklung unterschiedlich weit: AQUA > eau über afr. aigue, agua; PLACÊRE > fr. plaire/plaisir, sp. placer, i. piacere, auch en. please/pleasant; oder TACÊRE > fr. taire, sp. tacer. Oder bei -T- und -D-: RATIONEM > it. ragione, pt. razão, sp. razon, fr. raison, en. reason.
  5. Im Zusammenhang mit schwach- oder zwischentonigen Vokalen entstehen nach Lautausstoßung ‚neue‘ Konsonantengruppen: lat. MAND(U)CARE > *mantge > manger mangiare. PRAED(I)CARE > *preed(i)cer > prêcher…
  6. Die Instabilität führt auch bei Doppelkonsonanz zu ‚Erweichungen‘ (Assibilation): COLUBRA > coulœuvre zu rückläufigen Lautangleichungen (regressive Assimilation): TONITRU > tonerre, CATH(E)DRA > chaire, INTEGRA > entier.
  7. Es kommt vor, dass innerhalb von Serien Buchstaben miteinander vertauscht werden (Metathese): FORMAT(I)CUM > fromage; Parfümerie, profumeria; Krokodil, sp. cocodrilo;, profil, perfil.

[1] Die folgenden Ausführungen sind ausschließlich für didaktische Zwecke bestimmt. Vollständigkeit bezüglich der Darstellung der historischen romanischen Lautlehre ist nicht beabsichtigt.

[2] Einige terminologische und Schreibkonventionen sind notwendig: () steht für zwischentonige Laute; ^ für eine Längung des Vokals. Unter einer Serie sind die Bedeutungsentsprechungen zwischen ausgewählten Sprachen zu verstehen. Z.B. bilden fromage, formaggio, queso, queijo, cheese, Käse eine Serie.

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