Form & Bedeutung finden

Alle Wörter einer Serie haben einen gemeinsamen Bedeutungskern. Ein solcher begegnet etwa in der Reihung ‚Mühe – Arbeit – Strafe – Schmerz‘. Die Kenntnis des Kerns gestattet ein grobes Verständnis. Mit der Kenntnis von drei semantisch korrespondierenden Wörtern esfuerzo, pain/peine, labor verstehst du immerhin zehn (siehe unten)! Zum Bedeutungskern und zwischen dessen Komponenten lassen sich Eselsbrücken bauen: Du könntest denken: „Arbeit (labor, travail…) macht oft Mühe (peine, verlangt Anstrengung (effort, esfuerzo), bringt evtl. Schmerz (peine, dolore…), kann gar eine Strafe (pena, castigo, punizione) sein.“ Erst die Ko-Texte und Kontexte bringen Klarheit darüber, was genau gemeint ist. Was musst du nun tun, um den Bedeutungskern ‚herauszuschälen‘?

  1. Lege den Bedeutungsrahmen des Wortes weit an, er soll ja alle Bedeutungsmerkmale erfassen.
  2. Achte dabei auf die textliche Umgebung (Ko-Text, Kollokation) und den geschilderten situativen Kontext. Erscheint deine erste Interpretation plausibel? Ziehe eventuell Hilfsmittel, z.B. Wörterbücher, zur Überprüfung heran.
  3. Prüfe, ob der gegebene Sinn in die Gesamtaussage des Textes passt (inhaltliche Plausibilitätsprobe).
  4. Versuche herauszufinden, was die Eigenschaften eines Wortes sind (Wortart, Genus, Konjugation, Transitivität/Intransivität, übergeordneter/untergeordneter Begriff, mehrsprachige Wortfamilie und -bildung beschreiben [effort, s’efforcer de f.qc., fort/force], frage nach den Entsprechungen in anderen Sprachen [gibt es zu en. an effort ein Verb? Nein, Englischsprachige sagen eher to make an effort, to put some effort into… u.a.m.), betrachte sodann die Stellung des Wortes im Satz, bilde einsprachige und mehrsprachige Wortnetze zur Festigung deiner Erkenntnisse.
  5. Auch die bloße Wortoberfläche kann bereits eine Hilfe sein: Gibt es ein Prä- oder Suffix? Wie lautet der Wortstamm? Kennst du eine Entsprechung in einer anderen Sprache? Wenn ja, was genau bedeutet sie? – Wie ist der Gebrauch? Was unterscheidet das Brücken- und das Zielwort bedeutungsmäßig?
  6. Differenziere nach möglichen Bedeutungen und konkretisiere den Bedeutungskern, indem du herausfindest, was die möglichen Bedeutungsangebote gemeinsam haben. Im Folgenden lautet das übergeordnete Merkmal ’schlecht‘; seine untergeordneten Assoziationen: Anstrengung > Arbeit > tut weh/ist unangenehm > Strafe (disagreable, effort, gives pain, punishment...; sp. malo > duele/dolor > pena (vale la ~…, fr. ça vaut la peine). Erweitere dabei deine Kenntnisse in der Zielsprache und der Brückensprache.
  7. Überprüfe dein Ergebnis, indem du eine Plausibilitätsprobe durchführst.
  8. Füge dieses in deine Hypothesengrammatik ein. Darunter sind deine Annahmen zu verstehen, die du über das neue Wort/die neue Struktur entwickelst (also: Hypothesen zur Frage: Wie funktioniert das Element X in der Sprache Y). Die Hypothesengrammatik bedarf am Ende einer Überprüfung. Die Sprachhypothesen können sich sowohl auf eine einzelne Zielsprache als auch auf die Entsprechungen zwischen Sprachen beziehen. Beispiel: fr. charité und it. carità, pt. caridade, sp. caridad zeigen die Regel „fr. ch-+ Vokal im Anlaut entspricht it./pt./sp. ch-„. Du findest die Hypothese in vielen Beispielen bestätigt: fr. chien, it. cane, pt. cão, sp. can (neben perro). Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, eine Kalamität, calamité, calamità, calamidade, calamidad.

Viel Erfolg beim Demaskieren der Wörter und Strukturen.

Was du unbedingt verstehen musst: Unbekannte Wörter in fremdsprachigen Texten erkennen, also deren Form und  Bedeutung bestimmen, verlangt die Identifikation ihrer Formseite (Aussprache, Schreibung) in Kombination mit der von dir zuzuteilenden Bedeutung. Der Ko-Text, d.i. die unmittelbare textliche Umgebung eines Wortes, hilft dir, den Empfänger der ‚Nachricht‘, der Mitteilung Bedeutung zu geben und sie möglichst eindeutig zu interpretieren. Dies betrifft zunächst die Form (die Oberfläche des Zeichens „Wort“), dann den Inhalt bzw. die Bedeutung. Wörtern Bedeutung geben ist nicht immer einfach, denn oft meinen dieselben Wörter in verschiedenen kommunikativen Situationen etwas jeweils anderes.Frage: Was meint Bienenstich? Gebäck oder Insektenstich? Der Ko-Text und die Situation (linguistisch: der Kontext) machen es klar: (Kontext ist: beim Bäcker).

Auch Wörter von hoher äußerer Ähnlichkeit in verschiedenen Sprachen (sog. Formkongruenzen) wie – dt. Humor und fr. humeur (dt. Laune: am. mood oder humor, sp. humor, it. umore – dagegen fr. humour [Witz]) sind in allen Sprachenpaaren einander nicht immer „hundertprozentig bedeutungsgleich“, obwohl die oberflächliche Ähnlichkeit groß ist. Die französischen Dublette humeur (Laune) und humour (Witz) signalisiert bei aller Ähnlichkeit den Bedeutungsunterschied. Augenfällige Beispiele für Bedeutungsdivergenz liefert die Klasse der „Formgleichen, aber  Bedeutungsverschiedenen“: dt. Gift = en. poison, en. gift = dt. Gabe, fr. sol (Boden) = sp. sol (Sonne). Übrigens: Die Interkomprehensionsmethode bekämpft falsche Freunde sehr effizient, weil sie auf mit dem Vergleichen von ähnlichen Sprachbeständen auch Gemeinsamkeiten und Unterschieden zeigt.

Jede Sprache hat ihr eigenes System und jede Sprache neigt dazu, zwischen ihren Elementen Ökonomie herzustellen. D.h., jedes Element hat seine eigene Funktion oder Bedeutung, keines ist überflüssig und nichts ist „doppelt gemoppelt“. Anders gesagt: Jede Sprache passt ihre Elemente (Wörter, Lautung, Orthographie, Grammatik) an das ihr eigene System an. Sprache X reagiert daher nie auf eine andere Sprache Y. Du kannst also nie davon ausgehen, dass z.B. in einer Fremdsprache alles genauso funktioniert/benutzt wird wie in deiner Muttersprache oder einer anderen Sprache, die du bereits kennst. Aber dennoch: Vieles ist, wie gesagt, auch sehr ähnlich! Die Sandwich-Methode, die interlinear bzw. Zeile für Zeile ein Wort-für-Wort-Übersetzungsmuster bietet, zeigt die unterschiedlichen Grammatiken der so miteinander verglichenen Sprachen in ihrer jeweiligen Eigenart und die innere Logik der Zielsprache in deiner Mutter- oder deiner Brückensprache:

  1. Est-ce qu’il est venu avec le train?
        Ist dies dass er ist gekommen mit der/dem Zug?
        (Ist er mit dem Zug gekommen?)
  2. Do you like swimming?
        Tust du gerne schwimmen?
        (Schwimmst du gerne?)

Historisch sind Sprachen und Dialekte mehr oder weniger engmaschig miteinander verbunden, wie ein Vergleich z.B. des Menschenrechtskatalogs in verschiedenen Sprachen vor Augen führt.

Was musst du nun konkret tun, um neue Wörter einer neuen Sprache lesend zu verstehen? Dies verlangt, dass du die treffende Kernbedeutung identifizierst. Während dies bei to eat, manger, comer, essen… (Nahrung aufnehmen) keinerlei Schwierigkeiten bereitet, ist dies bei den Entsprechungen zu dt. Mühe anders (es handelt sich im Folgenden um eine unvollständige und ziemlich unsystematische Auswahl für dt. Mühe). Hier nochmals die oben besprochene bunte Mischung:

FR IT PT SP EN
effort sforzo custo esfuerzo effort
peine pena esforço labor (fem.) trouble
mal (mask.) fatica labor (fem.) pena pain
se fatiguer... darsi da fare… dar trabalho a molestarse… try hard…
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