{"id":301,"date":"2017-12-03T07:55:16","date_gmt":"2017-12-03T06:55:16","guid":{"rendered":"http:\/\/eurocomdidact.eu\/?page_id=301"},"modified":"2022-02-02T17:41:51","modified_gmt":"2022-02-02T16:41:51","slug":"interkomprehension-eurocomprehension","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/eurocomdidact.eu\/?page_id=301","title":{"rendered":"Eurokomprehension"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Eine Bildungsoption f\u00fcr Europa<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurocom\"><em>Eurokomprehension<\/em><\/a> ist ein 1999 von dem Frankfurter Linguisten Horst G. Klein gepr\u00e4gter Begriff. Er meint, dass die vom Europarat 2002 in Barcelona definierte Formel eines mehrsprachigen Kompetenz-Minimums (au\u00dfer der Muttersprache <em>mindestens<\/em> zwei Fremdsprachen kennen) auf weitere europ\u00e4ische Sprachen ausgedehnt werden sollte. Angesichts der geolinguistischen Situation scheint die Entwicklung einer solchen Mehrsprachen-Kompetenz weitgehend machbar, da der europ\u00e4ische Kontinent nur drei gro\u00dfe Sprachfamilien umfasst und dass in einer jeden von ihnen die Sprachen durchaus mehr oder weniger interkomprehensibel sind.<\/p>\n<h4>Wer mehr wissen will&#8230;<\/h4>\n<p>Bereits in den 1980er Jahren stellen die <a href=\"https:\/\/www.uni-muenster.de\/Sprachenzentrum\/griesha\/fsu\/cur\/cur-divmod1.html\">Homburger Empfehlungen<\/a> das Modell einer &#8222;sprachenteiligen\u201c Gesellschaft vor, in der (alle) europ\u00e4ischen B\u00fcrger die Sprachen ihrer europ\u00e4ischen Mitb\u00fcrger verstehen<em>.<\/em> Im Gegensatz zu bisherigen Mehrsprachigkeitskonzepten sollte die neue Mehrsprachigkeit nicht das Privileg einer kleinen Elite bleiben. So entwerfen die <em>Empfehlungen<\/em> einen Bildungsplan f\u00fcr die gesamte Schuljugend der L\u00e4nder, die damals das \u201aEuropa der Sechs\u2018 bildeten. Die Empfehlungen zeigen durchaus \u00dcbereinstimmungen mit den sprachenpolitischen Leitlinien der heutigen Union (z. B. Beacco &amp; Byram 2007). Schauen wir uns nur die Schl\u00fcsselbegriffe und einige Inhalte an: Begegnung mit fremden Sprachen in vorschulischen Kontexten, fr\u00fcher Fremdsprachenunterricht, die &#8222;Grundlagensprache&#8220; (die auf das Erlernen weiterer Sprachen vorbereitet), das Nachbarsprachenkonzept, regelm\u00e4\u00dfiger Fremdsprachenunterricht in den traditionellen Sprachen des Bildungssystems, Sprachen zur Erschlie\u00dfung einer entfernten Fremdheit<em>,<\/em> bilingualer Sachfachunterricht (CLIL). Die <em>Empfehlungen<\/em> nennen konkrete Zielsprachen; im Hinblick auf den deutschen Kontext Englisch, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Russisch, Latein, Chinesisch, ohne Sprachen wie Niederl\u00e4ndisch auszuschlie\u00dfen. Alles in allem schlagen die <em>Empfehlungen<\/em> vor, im Laufe der Schulzeit mindestens drei Fremdsprachen zu erlernen. Nicht zu vergessen ist, dass die Autoren sensibel auf die &#8222;intrinsische, potentielle kulturelle Gewalt&#8220; von Sprachen, wie Johan Galtung es 1993 ausdr\u00fcckte, reagierten und in zahlreichen weiteren Publikationen darauf hinwiesen, dass Mehrsprachigkeit die Risiken der globalen &#8222;Hegemonie&#8220; einer einzigen Sprache reduziere.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist das Homburger Modell in einer Europ\u00e4ischen Union mit 24 Sprachen \u00fcberholt. Aber in gewisser Weise setzt die Eurokomprehension es auf der Grundlage der europ\u00e4ischen Formel des mehrsprachigen Kompetenz-Minimums fort: Im Eurokomprehensionskonzept ersetzen die drei gro\u00dfen europ\u00e4ischen Sprachfamilien die vier Sprachen der Sechs, au\u00dferdem Englisch. Gleichzeitig umfasst es alle Sprachen der Union (mit Ausnahme von Ungarisch, Finnisch und Baskisch). Die Formel f\u00fcr die Entwicklung einer breiten und vollst\u00e4ndigen Eurokomprehension lautet: Ausgehend von der EU-Minimalformel f\u00fcr Mehrsprachigkeit, F\u00f6rderung einer diversifizierten und abgestuften Mehrsprachigkeit. Der Fremdsprachenunterricht muss mehr als \u201anur\u2018 eine einzige Zielsprache lehren. Er muss begreifen, dass er auch f\u00fcr Mehrsprachigkeit zust\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p><strong>Politische Implikationen<\/strong><\/p>\n<p>Eurokomprehension ist von erheblicher politischer Tragweite. Was die Vielsprachigkeit Europas f\u00fcr die Demokratief\u00e4higkeit und den Aufbau einer europ\u00e4ischen Identit\u00e4t in der vielsprachigen politischen Gemeinschaft bedeutet? (Sie) &#8222;ist wahrscheinlich das grundlegendste aller Hindernisse f\u00fcr das Projekt der europ\u00e4ischen Demokratie&#8220;, res\u00fcmierte der Politologe Peter von Kielmansegg 1992 und verwies darauf, dass die Geschichte noch nie eine Demokratie gesehen habe, in der sich die meisten B\u00fcrger nicht verstehen konnten. Nat\u00fcrlich kennen wir (zumeist f\u00f6derale) mehrsprachige Staaten wie die Schweiz, Belgien, aber auch Spanien, Finnland usw. In all diesen Staaten ist der Anteil der B\u00fcrger, die die Hauptsprachen der Staaten sprechen und\/oder verstehen, sehr betr\u00e4chtlich. Und trotz der mehr- oder vielsprachigen Hindernisse haben die betroffenen V\u00f6lker eine gemeinsame politische Identit\u00e4t entwickelt, die auf l\u00e4ngeren gemeinsame Erfahrungen und dem Willen zum weiteren Zusammenleben und Zusammenbleiben beruht. Voraussetzung hierf\u00fcr ist das zusammen ausgehandelte und geteilte Wissen, gebildet und vermittelt durch eine langfristige, durchaus mehrsprachige Kommunikation, an der die heterophonen Gemeinschaften (d.h. zahlreiche B\u00fcrger) trotz Sprachbarrieren teilhatten. \u2013 Aber wo ist die Europ\u00e4ische Union heute? Im Moment leidet sie vor allem schmerzlich unter einem Fraktionismus, der auf die Egoismen der Mitgliedstaaten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Dabei wurden die Regierungen demokratisch gew\u00e4hlt, haupts\u00e4chlich allerdings auf der Grundlage nationaler Diskurse, die fast immer vorrangig nationale Interessen und eher kurzfristige Perspektiven darstellen. In einigen L\u00e4ndern scheint die Idee der politischen Einheit der Union sogar in Frage gestellt und verblasst zu sein. Ganz zu schweigen von den nationalen Medien, die in sog. &#8222;autorit\u00e4ren Demokratien&#8220; (Mitglieder der Union!) faktisch gleichgeschaltet wurden. Selbst in liberalen Demokratien suchen wir vergeblich nach einem hinreichend breiten gemeinsamen europ\u00e4ischen Diskurs, der von den B\u00fcrgern verschiedener L\u00e4nder und Sprachen gen\u00e4hrt wird. Manchmal stehen selbst die fundamentalen <a href=\"https:\/\/europa.eu\/european-union\/about-eu\/eu-in-brief_de\">Leitlinien<\/a> der Union (gemeinsame Werte, Kriterien der Rechtsstaatlichkeit wie Pressefreiheit, Gewaltenteilung) auf dem Spiel. Daher schwankt die Union, die das Vereinigte K\u00f6nigreich gerade verloren hat, und zaudert zwischen einer internationalen Allianz und einer stabilen F\u00f6deration, die in der Lage ist, k\u00fcnftige Herausforderungen zu beantworten.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Bildung eines einheitlichen politischen Handlungswillens stellt sich die Frage: Muss die Union ihre praktische Funktionsweise \u00fcberarbeiten? Um an der Bildung eines solchen Willens (der mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner aus 27 nationalen Egoismen) teilzuhaben, m\u00fcssen die Unionsb\u00fcrger in die Lage versetzt werden, einander in ihren verschiedenen Diskursen in unterschiedlichen Sprachen zu folgen. Daher ist Eurokomprehension bzw. breite rezeptive Mehrsprachigkeit von Bedeutung. Um deren politische und soziale Auswirkungen zu bemessen, muss man verstehen, dass politische und soziale Diskurse (ob nationale oder europ\u00e4ische) unmerkliche, aber weitreichende Auswirkungen auf Emotionen haben. Sie pr\u00e4gen die Einstellungen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger langfristig.<\/p>\n<p>Um es auf den Punkt zu bringen: Die m\u00f6gliche Rolle der Eurokomprehension beim Aufbau einer europ\u00e4ischen Identit\u00e4t muss analysiert werden. Zu kl\u00e4ren ist u.a.: Welche Auswirkungen hat insbesondere die abgestufte und diversifizierte Mehrsprachigkeit auf Meinungen, Befindlichkeiten und gegenseitige Empathie der europ\u00e4ischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger? Was den Fremdsprachenunterricht und das Fremdsprachenlernen betrifft, so stellt sich allerdings die Frage, ob das <em>decision making<\/em> die Auswirkungen des Fremdsprachenerwerbs auf die politische Bildung erkannt hat.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich darf niemand das Potenzial der Mehrsprachigkeit f\u00fcr die europ\u00e4ische Identit\u00e4tskonstruktion \u00fcbersch\u00e4tzen. Es ist nur ein Steinchen innerhalb eines reichen Mosaiks. Aber k\u00f6nnen wir es uns leisten, die Bildungschancen zu verpassen, welche die Eurokomprehension f\u00fcr den Auf- und Weiterbau einer Europ\u00e4ischen Identit\u00e4t bietet?<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<h6>Claude Beacco &amp; Michael Byram: <em>From linguistic diversity to plurilingual education: guide for the development of language education policies in Europe.<\/em> Strasbourg: Council of Europe (Language Policy Devision). <br \/><a href=\"http:\/\/www.coe.int\/t\/dg4\/linguistic\/Guide_niveau3_EN.asp#TopOfPage\">http:\/\/www.coe.int\/t\/dg4\/linguistic\/Guide_niveau3_EN.asp#TopOfPage\u00a0<\/a><br \/>Sylvie M\u00e9ron-Minuth &amp; Senem \u015eahin: Mehrsprachigkeitskonzepte der Europ\u00e4ischen Union. In: Christiane F\u00e4cke &amp; Franz-Joseph Mei\u00dfner: <em>Handbuch Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalit\u00e4tsdidaktik.<\/em> T\u00fcbingen: Narr 2019, 76-80.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Bildungsoption f\u00fcr Europa Eurokomprehension ist ein 1999 von dem Frankfurter Linguisten Horst G. Klein gepr\u00e4gter Begriff. 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