Interkomprehension

  1. Interkomprehension meint das Verstehen einer fremden („unbekannten“) Sprache oder sprachlichen Varietät (Dialekt, Soziolekt), ohne diese in ihrer natürlichen Umgebung oder durch gezieltes Lernen erworben zu haben. Die materialen Grundlagen solch interkomprehensiver Kompetenz finden sich in Strukturen (Wörtern, Grammatik), die den Individuen aus anderen Sprachen bekannt sind. Interkomprehension als Sonderform der sprachlichen Komprehension geschieht bereits spontan, z.B. beim Hören oder Lesen der Zielsprache. Um nachhaltigen Spracherwerb herzustellen sind neben den materialen Grundlagen voluntative erforderlich, d.i. der Wille oder die Motivation, Kompetenz in der Ziesprache zu erwerben.
  2. Die Grenzen zwischen Sprachen und Sprachen, Sprachen und Dialekten, Dialekten und Dialekten sind keineswegs trennscharf.
  3. Europäische Sprachen verdanken ihre ‚Verbindungen‘ nicht zuletzt dem Latein, das über tausend Jahre als ein gelehrter Jargon (Adstrat) die Volkssprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch usw.) bereicherte.
  4. Historisch ist Interkomprehension viel älter als unsere modernen Sprachen, deren Normierungen und soziale Verbreitungen erst wenige Jahrhunderte zurückliegen. Noch im 19. Jahrhundert sprachen mehr Deutsche ihren lokalen Dialekt als ‚Hochdeutsch‘. Vor der Normierung unserer Sprachen war Interkomprehension immer da im Spiel, wo Menschen verschiedener Idiome miteinander kommunizierten.
  5. Die umfassende gesamteuropäische Tradition – Antike, Christentum, Mittelalter, Renaissance, Aufklärung, Industrialisierung und ein moderner Lebensstil – band unsere europäischen Sprachen ebenfalls aneinander, und zwar weit über die germanische, romanische oder slawische Sprachfamilien hinaus. Im Wortschatz des Deutschen, Polnischen, Russischen und Niederländischen… gibt es große Anteile von einander ähnelnden Wörtern (Kognaten) altgriechischen, lateinischen oder romanischen Ursprungs. Die Verwandtschaften aus diesen weit zurückreichenden etymologischen Beziehungen (etimologia remota) wurden durch die Angleichung des ererbten Wortmaterials an Bezeichnungsbedürfnisse neuer Epochen und Zeiten verdichtet. Die Bereicherung umfasste weite thematische Bereiche: Wissenschaften und Anwendungen aller Art, Handel und Erziehung. Kundige sprechen von „gelehrten Filiationen“ (migrazione dotta): Etyma, die sich in antiken Texten nachweisen lassen, wurden mit neuen Inhalten gefüllt. Die Verbreitung des Wissens erfolgte über Bücher, d.h. Universitäten, Städte, Klöster, Schulen und über weitere Orte der Gelehrsamkeit. Last but noch least lieferte das aus dem Griechischen oder Lateinischen stammende Vokabular Elemente (Lexeme und Morpheme), mit deren Hilfe neue Wörter gebildet wurden. Experten sprechen von „neulateinischen Kompositionen“ (Liberalismus, Kommunismus, Digitalisierung…). Vor allem bestehen unsere heutigen wissenschaftlichen Terminologien aus solchen Bildungen.
  6. Beide etymologische Filiationsmuster – das entfernte und das moderne ‚gelehrte‘ – setzen eine mehrsprachige Lese- und Schreibkompetenz voraus, die regelmäßig mit Interkomprehension einherging. Diese Art der Mehrsprachigkeit machte über mehr als tausend Jahre das Profil des gelehrten Europäers aus. Ohne diese weit verbreitete mehrsprachige Lesekompetenz hätte keine europäische Kultur ihren eigentümlichen individuellen Charakter entwickeln können.
  7. Die hervorstechendsten Spuren der hier beschriebenen Tradition sind in unseren modernen europäischen Sprachen die Kognaten bzw. sog. Interlexeme wie Theater, théâtre, teatro, Mathematik, matemática…, police, Polizei, policja, polizia…, kontinuierlich, to continue, continuare, континуа́льный
  8. Weltweite Vergleiche von Sprachen zeigen die Verwandtschaftsbeziehungen der europäischen Sprachen auch in der ‚Grammatik‘ bzw. im Sprachbau (Morphologie, Syntax, Tempussysteme usw., usw.). [siehe Interkomprehensionsdidaktik].
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