FAQs

Was bedeutet eine Sprache „können“?
Was bedeutet eigentlich „Muttersprache“?
Weitere Sprachbezeichnungen“
Was ist Sprache, was „Dialekt“?
Was heißt eigentlich „eine Vokabel kennen“?
Mein „Sprachwissen“: Soll und Ist
Mein „Mehrsprachigkeitsprofil“
Wie lerne ich eine Sprache am besten?
Wieso funktioniert die Interkomprehensionsmethode so gut? Oder: Wie muss ich mit der Methode lernen?

  1. Was bedeutet es eigentlich: eine Sprache „können“?

Die Antwort hängt von der jeweiligen sozialen Umgebung ab, in der du eine Sprache X benutzt oder benutzen willst und den Erwartungen dieser Umgebung an dich und dein Sprachkönnen. Was das Können in derjenigen Sprache angeht, in der du studierst, deiner Arbeit nachgehst, an deren Kultur du alltäglich teilnimmst, so meint dies, dass du die Sprache in der erwarteten Nuanciertheit und Breite benutzen kannst, um den an dich herantretenden kommunikativen Aufgaben zu genügen. Das erforderliche umfangreiche Sprachkönnen umfasst z.B. für in Deutschland Lebende, dass sie das Deutsche ausreichend sprechend und schreibend, hörverstehend und lesend beherrschen. Ein erfolgreiches Leben hängt nicht zuletzt mit der Kommunikations- und Sprachfähigkeit der Menschen in der Gesellschaft ab.

Was so umfangreiches Sprachkönnen mindestens heißt, zeigt die Beschreibung der Kompetenzniveau-Stufe C2 des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen: lernen, lehren, beurteilen (GER) des Europarates. Sie ist für fremdsprachliche Kompetenz formuliert. Mutter- oder erstsprachliche Kompetenz von Erwachsenen liegt deutlich höher:

  • Kann praktisch alles, was er/sie liest oder hört, mühelos verstehen.
  • Kann Informationen aus verschiedenen schriftlichen und mündlichen Quellen zusammen­fassen und dabei Begründungen und Erklärungen in einer zusammenhängenden Dar­stellung wiedergeben.
  • Kann sich spontan, sehr flüssig und genau ausdrücken und auch bei komplexeren Sach­verhalten feinere Bedeutungsnuancen deutlich machen.

Anders gesagt, kannst du z.B. französische TV-Sendungen verstehen (so dass du Satz für Satz nachsprechen kannst)? …einer Debatte von spanischen Journalisten in allen Einzelheiten sprachlich folgen? …einer Fußballreportage im BBC folgen? Kannst du alles in der Fremdspracchen sagen und schreiben, was du in deiner Erst- oder Muttersprache sagen und schreiben könntest? Wenn ja, dann hast du eine voll umfängliche C2-Kompetenz in der Zielsprache. Um eine solch hohe Kompetenz in einer Fremdsprache zu erreichen, bedarf es erheblicher Anstrengungen, eines sehr hohen Investissements an Zeit und eines ausreichenden Kontakts mit der Zielsprache bzw. ihren Sprecherinnen und Sprechern. Unter schulischen Bedingungen alleine ist ein C2-Niveau in einer Fremdsprachen nicht erreichbar.

Nach der Fokussierung auf das „Können“, ein Wort zu „Sprache“: Sprachen sind keine unveränderlichen Gebilde. Sprachen leben und verändern sich ständig in Abhängigkeit von den kommunikativen Bedürfnissen jener, die sie benutzen. Sie unterliegen kulturellem Umweltwandel. In unserer Gegenwart ist augenfällig, wie sehr die globale Digitalisierung die Sprache beeinflusst: Festplatte, downladen / downloaden / runterladen, Internet, Bots, Algorithmus, Knoten, Cloud / Wolke, twittern, mach‘ mal ‚ne hardcopy, bloggen, posten usw.

Jede Sprache besteht aus Varietäten: Idiolekten (individuellen Sprechweisen), Dialekten und Soziolekten. Zum ihrem Wesen gehört mangelnde Trennschärfe und Offenheit: Oft fließen Dialekte und Soziolekte ineinander (vgl. die Bemerkungen zum Dialekt von New York). Dies wird daran deutlich, dass z.B. Worte ihre konkrete (okkasionelle) Bedeutung erst in ihren textlichen Umgebungen (Ko-Texten) erlangen. Man unterscheidet zwischen einer festen Bedeutung (en. signification) und einer ko-textlichen ‚Meinung‘ (meaning). So ist to back (unterstützen) zu unterscheiden von to back (zurücksetzen). Auch zwischen den Registern ‚Gesprochen‘ und ‚Geschrieben‘ besteht das Merkmal ‚gleiche Zeichenform, aber unterschiedliche Bedeutung‘: sp. gesprochen /aßrasár/, geschrieben abrasar (grillen) und /abraθár/ abrazar (umarmen) oder abría (würde öffnen) und habría (würde haben [Hilfsverb]). Kompetente Sprecher lösen (disambiguieren) solche Mehrdeutigkeiten in Bruchteilen von Sekunden.

Native bzw. kompetente Sprachteilhaber können produktiv Ausschnitte von Sprache in einer erwartbaren Bandbreite. Können (Idiolekt) und Erwartung sind unterschiedlich und betreffen die Sprache innerhalb einer gewissen Normbreite, produktiv z.B. einen Dialekt, Soziolekte, rezeptiv das Verständnis einer gewissen Anzahl von Dialekten. Das Sprachkönnen (prozedurales Wissen) geht mit dem Sprachwissen (deklaratives W.) einher, Können und Wissen sind nicht gegeneinander trennscharf. Wissen alleine führt nicht zu Können.

  1. Was heißt eigentlich Muttersprache?

Muttersprache ist kein wissenschaftlicher Begriff. Die Sprachwissenschaft spricht daher von Erst- oder Primärsprachen und unterscheidet zwischen Zweit- und Fremdsprachen. Mit den terminologischen Unterschieden sind unterschiedliche Grade des Sprachkönnens, der Sprach- bzw. kommunikativen Kompetenz verbunden. Muttersprache meint oft die Sprache, die traditionell in der Familie benutzt (gesprochen) wird. In sich überwiegend „einsprachig“ verstehenden Gesellschaften (wie traditionell der deutschen, französischen usw.) ist die Muttersprache zumeist auch die Sprache der Mehrheitsgesellschaft. In diesem Sinne lässt sich sagen: Die Muttersprache der meisten Deutschen ist das Deutsche. Zugleich sprechen viele von ihnen – muttersprachlich – einem deutschen Dialekt oder eine regionale Sprache. Zudem existieren auf deutschem Sprachgebiet Regionen mit angestammten nicht-deutschen Sprachen (Sorbisch, Dänisch, Niederdeutsch).
Für Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Familie ihre Herkunftssprache sprechen, ist das Deutsche eine Zweitsprache, die viele von ihnen differenziert und umfangreich auf erstsprachlichem Niveau beherrschen. Sprachen wie Englisch oder Russisch (soweit diese nicht Erstsprachen sind) fungieren im deutschsprachigen Raum als Fremdsprachen. Dies sind Sprachen, die man oft in der Schule lernt und gelegentlich gebraucht – z.B. als Leser, als Tourist, im Beruf, im Gespräch mit Anderssprachigen. Die Kompetenzniveaus in Fremdsprachen können extrem unterschiedlich sein. So sagen im Jahr 2017 5,07 Mio. Deutschsprachige von sich, dass sie „ziemlich gute Französischkenntnisse“ haben, 1,43 Mio. gar „sehr gute“ und 63,37 Mio., dass sie kaum oder überhaupt keine Französischkenntnisse besitzen (Statista[1]).

  1. Weitere Sprachbezeichnungen

…betreffen z.B. die schon erwähnten autochthonen Sprachen. Das sind solche, die seit langem auf dem Gebiet eines Staates beheimatet sind; in Deutschland das Friesische, das Sorbische u.a.m., in Frankreich das Korsische, das Katalanische, das Elsässische und das Lothringische (beides deutsche Dialekte), in Großbritannien das Walisische, in Spanien das Baskische und das Katalanische. Solche Sprachen haben als Minderheitensprachen einen fest umrissenen politischen Status – wie das Deutsche in Südtirol, das Dänische in Schleswig-Holstein.

…betreffen auch z.B. die Herkunftssprachen der Migranten. Solche Sprachen können auf dem Gebiet eines Staates durchaus mehr Sprecher umfassen als die angestammten Sprachen. Dies ist z.B. in Deutschland für das Türkische im Verhältnis zum Sorbischen der Fall. Es wird vermutet, dass auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland mehr als 150 Migrantensprachen existieren. Leider fehlen belastbare Zahlen. Migrantensprachen genießen keine besondere politische Förderung seitens des Staates, obwohl die „Allgemeine Erklärung der Sprachenrechte“ (Barcelona 1996) auch diese Sprachen schützt und ihnen Rechte zugesteht. Von der UNESCO wurde die Erklärung bislang nicht übernommen.

  1. Was eigentlich unterscheidet eine Sprache von einem Dialekt?

„Eine Sprache ist ein Dialekt, der eine und eine Flotte Armee hat“/“a shprakh iz a dialekt mit an armey un flot“, so (wahrscheinlich) zuerst der Sprachwissenschaftler Max Weinreich in seiner Rede zur Eröffnung der 19. Jahrestagung des Instituts für jüdische Forschung (YIVO) in New York im Jahr 1945. Alle unsere nationalen Sprachen haben sich aus Dialekten entwickelt. Die Sprachen entstanden, als der ihnen zugrundeliegende Dialekt eine nationale (staatliche) Funktion und Verbreitung bekam – als Sprache des Gerichtswesens, der Regierung und der Verwaltung, der Religion, der Universitäten, der Wissenschaften, der Schulen oder des Handels. Grundlage war oft ihre Schriftfähigkeit und die Entwicklung einer Orthographie; Voraussetzung hierfür eine Norm, und eine vergleichsweise einheitliche Aussprache innerhalb der nationalen Sprachgemeinschaft. All dies erklärt, weshalb sich oft gerade in diesen Sprachen eine reiche Literatur entfaltete. Alles zusammen verlieh den Sprachen ein hohes Prestige und einen hohen Nutzwert, was nicht zuletzt dazu führte, dass sie auch als Fremdsprachen gelehrt und gelernt wurden. Genau dies, meinte in etwa 1492 der Grammatiker Antonio de Nebrija mit: „Siempre una lengua fue compañera del imperio“ im Prólogo a la gramática de la lengua castellana.

Dialekte sind hingegen Mundarten. Sie transportieren zumeist örtlich gebundene, natürliche und im Alltag lokal oder regional gebräuchliche mündliche Rede. Dialekte haben einen geringeren Normierungsgrad. Dialekte ein- und derselben Sprache (desselben Diasystems) sind füreinander mehr oder weniger verstehbare (interkomprehensibel). In der mündlichen Rede vermischen sich Dialekte oft mit Soziolekten. Im Krimi z.B. ist dies oft zu beobachten: Ein cop in einem New Yorker Krimi spricht das in den USA wenig geschätzte „Brooklynish“, das ihn für viele US-Amerikaner als ein Angehöriger der Unterschicht kenntlich macht.

Sprachen wie Dialekte sind an Sprechergemeinschaften gebunden. Sie transportieren in vielen Fällen innerhalb dieser Gemeinschaften geteilte Erfahrungen. Anders gesagt: In ihnen sind Inhalte des kollektiven Gedächtnisses niedergelegt. Im Dialekt begegnet versteckt der Begriff „Heimat“.

Auch das an Dialekte geknüpfte Sprachwissen ist für das Lernen von Sprachen nützlich, denn wie die „Sprachen“ liefern auch Dialekte mögliche Transferbasen.

5. Was heißt eigentlich, „ein Wort kennen“? …eine Vokabel lernen?

Wie alle Zeichen lassen sich Wörter als aus einem Zeicheninhalt (Bedeutung, das Bezeichnete oder Signifikat) und einer Zeichenform (das Bezeichnende oder der Signifikant) bestehend modellieren. Ein Signifikant kann eine oder mehrere Signifikate transportieren. Er kann monosemisch (mit nur einer einzigen Bedeutung [Schraube] oder polysemisch (mit mehreren Bedeutungen [Flügel: vom Vogel/Flugzeug, Klavier]) sein. Der Zeichenkörper kann akustisch (sprechend/hörverstehend) oder graphisch (geschrieben/leseverstehend) enkodiert/produziert bzw. dekodiert/rezipiert werden. Akustische Realisierungen haben eine Aussprache, graphische eine Graphie. In der Regel haben Sprachen eine Norm in Gestalt einer Orthoepie (Aussprache) und eine Orthographie (Schreibung); Dialekte hingegen weitaus seltener normiert.

Wörter sind Elemente von Rede oder Texten. Sie begegnen nie isoliert und völlig vereinzelt. Sie müssen sich in ihren jeweiligen Ko-Text (die jeweilige textliche Umgebung) einpassen (vgl. Konjugation, Akkordanz, Valenz) und grammatischen Regeln folgen. Damit nicht genug: Wörter sind Träger sozialer Beziehungen, d.h. zwischen Menschen. Wortkönnen wird auch daher von Wortwissen begleitet. Kompetente Sprecher wissen etwa: Wer benutzt ein Wort/eine Wendung zu welchem Zweck, wie, mit wem, mit welcher Wirkung, wo, wann; was sagt man gemeinhin, was nicht, wie reden Frauen, wie Männer usw., usw.

Um eine fremdspachliche Vokabel produktiv nutzen zu können, benötigen Lerner prozedural minimal das entsprechende Wissen zur Schreibung, Ausssprache, Bedeutungen, grammatischen Merkmalen (wie Genus, konjugierten Formen, Anwendungregeln u.a.m.). Zur Lesefähigkeit sind weitaus weniger Merkmale erforderlich.

6. Wieviel Sprachwissen habe ich (A) eigentlich in meiner Erstsprache? oder: Wieviel muss ich (B) lernen, um die Fremdsprache X oder Y annähernd so zu können, wie meine Erstsprache?

Zu (A): Wie schon unter 1 gesagt: Der Umfang, in dem ein Mensch eine bestimmte Sprache „kann“, hängt von zahlreichen Faktoren ab, insbesondere von der Art und der Intensität seines Kontaktes mit der betreffenden Sprache und ihren Sprechern. Dies ist eine sehr offene Definition. Wer genauer hinsieht, erkennt die unzählbaren kommunikativen Akte mit Teilhabern derselben Sprache und ihrer Varietäten (Dialekte, Soziolekte, Fachsprachen, Kindersprache, Nähe- und Distanzsprachen, für Deutschsprachige: Bayern, Berliner, Wiener… über viele möglichen Themen der entsprechenden Kultur). Sprache ist wesentlicher Träger der Sozialisation und Enkulturation eines Individuums. Sprachen sind wesentlicher Teil unserer Identität.

Das reine Sprachwissen und das Sprachkönnen beziehen sich im Prinzip auf die gesamte Architektur einer Sprache, auf Wortschatz und Grammatik, sowie auf die verschiedenen Fertigkeiten oder Kompetenzen: das Hörverstehen und das Sprechen, das Lesen und das Schreiben (soweit Gesellschaften Letzteres fordern; es gibt Gesellschaften und Kulturen ohne Schrift). Zu unterscheiden ist, wie gesagt, des Weiteren Sprachwissen und Sprachkönnen. Z.B. spreche ich automatisch meinen Dialekt, ich kann einen fremden Dialekt erkennen und diesen einer Gruppe zuordnen (aus Hamburg, München, Köln…), ich kann diese Dialekte aber nicht sprechen wie ein Teilhaber dieser Dialekte. In diesem Fall spreche ich, was das Verstehen angeht, vom Sprachkönnen, was die Zuordnung der Aussprachemerkmale oder auch der Wortwahl zu einer bestimmten Gruppe betrifft (Hamburger, Münchener, Kölner), vom Sprachwissen.

(B) Und wieviel Wörter kenne ich? Wieviel muss ich lernen, um in der Sprache etwas zu tun bzw. kommunizieren zu können?

Eine englische Sprachwissenschaftlerin berichtet von Schätzungen des Wörterwissens britischer Studenten in den 1930er Jahren. Das mit Vorsicht zu interpretierende Ergebnis: „… dass der durchschnittliche Collegestudent etwa 58.000 gebräuchliche »Basiswörter«, 1700 seltene »Basiswörter« und 96.000 Ableitungen und Komposita kannte. Die Gesamtsumme belief sich auf über 150.000. Das höchste Ergebnis lag bei 200.000, und selbst das niedrigste bei 100.000.“ (Aitchison 1997: 7). Der „Schätzwert 50.000 (…) ist möglicherweise zu niedrig gegriffen“ (ebd.). Die Schätzungen müssen auch dahingehend taxiert werden, was gezählt wird: Zwar sind machen, gemacht, machbar, Machbarkeit, durchmachen, etwas/sich wegmachen sechs Wörter, doch sind die ersten vier davon schon aufgrund des Lexems mach- zu verstehen und die zuletzt genannten Komposita sind ‚leicht‘ lernbar, wenn man -mach- kennt.

Wörter vergleichend in Sprachen zählen (Hat das Englische mehr Wörter als das Chinesische oder das Deutsche?) macht wenig Sinn, solange nicht eindeutig definiert ist, was überhaupt ein Wort ist. Das deutsche Kompositum Donaudampfschifffahrtsgesellschaft würde wohl von den meisten Deutschsprachigen als „ein“  Wort bezeichnet, weil es zwischen zwei Weißstellen steht und man sich Wörter vor allem geschrieben (als Grapheme) vorstellt. Die französische Übersetzung zeigt indes ein Viel-Mehr an „Wörtern“  (La) compagnie des vapeurs sur le Danube oder …du Danube. Man zählt also fünf Einheiten zwischen zwei Weißstellen.

Es genügt natürlich nicht, Wörter zu kennen: Sprachkönnen verlangt, dass sie im Kopf funktional azeptabel organisiert sind, denn sie sollen ja in Sekundenbruchteilen erkennbar und abrufbar sein. Muttersprachler erkennen ein Wort in 200 Millisekunden oder weniger vom Anlaut an. Das Nachsprechen gesprochener Sprache (shadowing) erlaubt (in Grenzen) zu erkennen, wie schnell Wörter erkannt und reproduziert werden können. Gute Nachsprecher reproduzieren innerhalb von 200 Millisekunden (eine Fünftelsekunde). In Blitzesschnelle können wir Wörter „reparieren“ bzw. verbessern wir unsere eigenen „Versprecher“. Unser Wortwissen bezieht sich dabei nicht nur auf ein Wort, seine Aussprache, Graphie und Bedeutung, sondern auch darauf, wie es sozial gebraucht wird (Kerl ist nicht dasselbe wie Mann oder Typ), d.h. wer etwas wie, wann, wo und wozu sagt.

Wieviel Wörter musst du in einer Fremdsprache lernen? Auch zur Beantwortung dieser Frage spielt die weitere Frage des „Wozu?“ eine entscheidende Rolle. Ebenso wichtig ist: „Was“ musst du denn lernen, wenn du eine neue Vokabel lernst? Ein Italiener, der Englisch lernt muss, um en. to continue eigentlich nichts lernen, um das Verb lesend zu verstehen, denn er kennt ja aus seiner Muttersprache continuare. Die Antwort fällt anders aus, wenn es sich um en. weak handelt, denn debole hat eine gänzlich andere Form als die englische Entsprechung, d.h.: die beiden Adjektive sind nicht formkongruent. Das Beispiel macht deutlich, dass sich die Frage nicht so einfach zu beantworten lässt, wenn man Wortschätze undifferenziert vergleicht. Der Kernwortschatz der romanischen Mehrsprachigkeit (KRM) bietet indes ein Repertoire, dass die Formkongruenzen und Bedeutungsadäquanzen sowie die Form- und Bedeutungsdiver­genzen zählbar macht (Meissner 2018).

Indem du das Vokabular des KRM kannst, aktivierst du also viel, viel mehr Wörter als das Vokabular des KRM selbst. Denn du knüpfst an deine Sprachenwissen aus den Sprachen an, die du bereits kennst, um es mit jenen Formen zu verbinden, die du lernen willst.

7. Mein Mehrsprachigkeitsprofil: Wie gut muss ich welche Fremdsprachen können?

Hierzu wurde bereits eingangs Einiges gesagt. Wie gut Du welche Sprachen können musst, hängt davon ab, wozu Du welche Sprache brauchst. Die Antwort richtet sich nach Deiner jetzigen oder angestrebten Lebenssituation. Mit Sicherheit benötigst Du eine höchst mögliche Kompetenz in Deiner Umgebungs- und Schulsprache (z.B. in Deutsch in Deutschland); mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bietet Dir die gute Kenntnis von Englisch in allen vier Teilkompetenzen bedeutende Vorteile in internationaler Kommunikation. Vielleicht hast Du eine besondere Beziehung zu einem bestimmten Land und möchtest mit seinen Menschen regelmäßige Beziehungen unterhalten? Auch dafür ist die Kenntnis der Landessprache vorteilhaft (wer in Rom lebt, muss Italienisch können). Hinzu kommen Anforderungen in Ausbildung, Studium und Beruf. Viele Ausbildungs- und Studiengänge verlangen bestimmte Fremdsprachenkenntnisse über Englisch hinaus. Des Weiteren ist zu erwarten, dass Berufstätige in ihrem Leben auch ‚neue‘ Fremdsprachen erlernen müssen. Dies erklärt die Bedeutung der Sprachlernkompetenz. Die Offenheit der Situation verlangt die Kenntnis weiterer Sprachen, die nicht alle mit gleicher Kompetenzhöhe und Kompetenzbreite erworben werden müssen. Eine abgestufte und differenzierte Mehrsprachigkeit kann z.B wie folgt aussehen:

Familienspr. Umgebungsspr. 1. Fremdspr. 2. Fremdspr.
3. Fremdspr.
Fremdspr.n (rezeptiv)
Deutscher Dialekt Deutsch Engl. Französ. Italien., Span.
Türk. Deutsch Französ. Engl. Italien., Portugies.
  Deutsch Engl. Russ. Poln., Tschech.
Schweizerdt. Schweizerdt.
Deutsch
Französ. Italien.
Engl.
Portugies., Span.
Deutsch Niederländ. Engl. Französ.
Deutsch
Span., Italien.

8. Wie lerne ich eigentlich eine fremde Sprache am besten?

Generell ist diese wichtige Frage nicht ganz exakt zu beantworten, denn jeder Mensch lernt anders. Du musst also deinen eigenen Lernweg finden. Finde also heraus, was dich beim Sprachenlernen motiviert, was du gerne tust, warum du Erfolg hast. – Aber dennoch ist seit langem bekannt, was im Allgemeinen einen guten Lerner ausmacht. Hierzu meint 1975 Rubin (GoodLearner).

9. Und wieso verbessert die Interkomprehensionsmethode das Sprachenlernen?
Oder: Wie lerne ich mit der Methode?

Die Interkomprehension verlangt von dir, sowohl auf die Zielsprache achten, indem du neue Formen, Funktionen und Bedeutungen identifizierst, als auch auf das nützliche Vorwissen, das du ja aktivieren musst, um die Identifikationen durchzuführen. Dies betrifft deine eigene Lernhandlung. Empirische Studien zeigen immer wieder folgende Schritte:

  1. Lesen des zielsprachlichen Textes.
  2. Erstes Scannen des Textes unter der Frage: Was verstehe ich, was bedeutet was, welche Bedeutungen und Funktionen erkenne ich?
  3. Erneutes Scannen unter der Frage: Wo ist das erkannte zielsprachliche Schema (die Funktion) mit dem aus meinem Vorwissen aktivierten Schema identisch, wo ist es verschieden.
  4. Drittes Scannen unter der Frage: Was verstehe ich nicht?
  5. Klärung der offen gebliebenen Fragen, z.B. mit Hilfe eines Wörterbuches, einer entsprechenden Grammatik, der Lehrperson.
  6. Klärung der Fragen: An welches Vorwissen hätte ich vernünftigerweise anknüpfen können, um die Funktion / die Bedeutung zu identifizieren? – Warum ist mir dies nicht gelungen?
  7. Erstellung der ‚Hypothesengrammatik‘ der Zielsprache: Schreibe die Regeln auf, die du beim Lesen erkannt hast. Auf diese Weise erschließt du dir die Zielsprache.
  8. Wenn du an mehr als an einer Zielsprache interessiert bist, ist es von Vorteil auch die Regelmäßigkeiten aufzuzeichnen, die du zwischen den Sprachen erkennen kannst.
  9. Entwurf deines weiteren Lernplans.

Du wirst sehen, dass sich beim zweiten, dritten, vierten Text die Antworten wiederholen, dass die Entschlüsselung zunehmend leichter gerät.

Literatur

Atchison, J. (1997): Wörter im Kopf. Eine Einführung ins mentale Lexikon. Aus dem Englischen von Martina Wiese. Tübingen: Niemeyer (engl.1987).

Meißner, F.-J. (2018): Die Vermessung des Kernwortschatzes der romanischen Mehrsprachigkeit. Eine didaktische Analyse zur interlingualen Transparenz- und Frequenzforschung. GiF:on 11,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:hebis:26-opus-135898

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/170897/umfrage/einschaetzung-zu-eigenen-franzoesischkenntnissen/

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