Eurokomprehension

Eine Bildungsoption für Europa

Eurokomprehension ist ein 1999 von dem Frankfurter Linguisten Horst G. Klein geprägter Begriff. Er meint, dass die vom Europarat 2002 in Barcelona definierte Formel eines mehrsprachigen Kompetenz-Minimums („außer der Muttersprache mindestens zwei Fremdsprachen kennen“) auf weitere europäische Sprachen ausgedehnt werden sollte. Angesichts der geolinguistischen Situation scheint die Entwicklung einer solchen Mehrsprachen-Kompetenz machbar, da der europäische Kontinent nur drei große Sprachfamilien umfasst und dass in einer jeden von ihnen die Sprachen durchaus mehr oder weniger interkomprehensibel sind.

Rückblick: Bereits in den 1980er Jahren stellen die Homburger Empfehlungen das Modell einer „sprachenteiligen“ Gesellschaft vor, in der (alle) europäischen Bürger die Sprachen ihrer europäischen Mitbürger verstehen. Im Gegensatz zu bisherigen Mehrsprachigkeitskonzepten sollte die neue Mehrsprachigkeit nicht das Privileg einer kleinen Elite bleiben. So entwerfen die Empfehlungen einen Bildungsplan für die gesamte Schuljugend der Länder, die damals das ‚Europa der Sechs‘ bildeten. Die Empfehlungen zeigen durchaus Übereinstimmungen mit den sprachenpolitischen Leitlinien der heutigen Union (z. B. Beacco & Byram 2007). Schauen wir uns nur die Schlüsselbegriffe und einige Inhalte an: Begegnung mit fremden Sprachen in vorschulischen Kontexten, früher Fremdsprachenunterricht, die „Grundlagensprache“ (die auf das Erlernen weiterer Sprachen vorbereitet), das Nachbarsprachenkonzept, regelmäßiger Fremdsprachenunterricht in den traditionellen Sprachen des Bildungssystems, Sprachen zur Erschließung einer entfernten Fremdheit, bilingualer Sachfachunterricht (CLIL). Die Empfehlungen nennen konkrete Zielsprachen; im Hinblick auf den deutschen Kontext Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch, Latein, Chinesisch, ohne Sprachen wie Niederländisch auszuschließen. Alles in allem schlagen die Empfehlungen vor, im Laufe der Schulzeit mindestens drei Fremdsprachen zu erlernen. Nicht zu vergessen ist, dass die Autoren sensibel auf die „intrinsische, potentielle kulturelle Gewalt“ von Sprachen, wie Johan Galtung es 1993 ausdrückte, reagierten und in zahlreichen weiteren Publikationen darauf hinwiesen, dass Mehrsprachigkeit die Risiken der globalen „Hegemonie“ einer einzigen Sprache reduziere.

Offensichtlich ist das Homburger Modell in einer Europäischen Union mit 24 Sprachen überholt. Aber in gewisser Weise setzt die Eurokomprehension es auf der Grundlage der europäischen Formel des mehrsprachigen Kompetenz-Minimums fort: Im Eurokomprehensionskonzept ersetzen die drei großen europäischen Sprachfamilien die vier Sprachen der Sechs, außerdem Englisch. Gleichzeitig umfasst es alle Sprachen der Union (mit Ausnahme von Ungarisch, Finnisch und Baskisch). Die Formel für die Entwicklung einer breiten und vollständigen Eurokomprehension lautet: Ausgehend von der EU-Minimalformel für Mehrsprachigkeit, Förderung einer diversifizierten und abgestuften Mehrsprachigkeit. Der Fremdsprachenunterricht muss mehr als ‚nur‘ eine einzige Zielsprache lehren. Er muss begreifen, dass er auch für Mehrsprachigkeit zuständig ist.

Politische Implikationen

Eurokomprehension ist von erheblicher politischer Tragweite. Was die Vielsprachigkeit Europas für die Demokratiefähigkeit und den Aufbau einer europäischen Identität in der vielsprachigen politischen Gemeinschaft bedeutet? (Sie) „ist wahrscheinlich das grundlegendste aller Hindernisse für das Projekt der europäischen Demokratie“, resümierte der Politologe Peter von Kielmansegg 1992 und verwies darauf, dass die Geschichte noch nie eine Demokratie gesehen habe, in der sich die meisten Bürger nicht verstehen konnten. Natürlich kennen wir (zumeist föderale) mehrsprachige Staaten wie die Schweiz, Belgien, aber auch Spanien, Finnland usw. In all diesen Staaten ist der Anteil der Bürger, die die Hauptsprachen der Staaten sprechen und/oder verstehen, sehr beträchtlich. Und trotz der mehr- oder vielsprachigen Hindernisse haben die betroffenen Völker eine gemeinsame politische Identität entwickelt, die auf längeren gemeinsame Erfahrungen und dem Willen zum weiteren Zusammenleben und Zusammenbleiben beruht. Voraussetzung hierfür ist das zusammen ausgehandelte und geteilte Wissen, gebildet und vermittelt durch eine langfristige, durchaus mehrsprachige Kommunikation, an der die heterophonen Gemeinschaften (d.h. zahlreiche Bürger) trotz Sprachbarrieren teilhatten. – Aber wo ist die Europäische Union heute? Im Moment leidet sie vor allem schmerzlich unter einem Fraktionismus, der auf die Egoismen der Mitgliedstaaten zurückzuführen ist. Dabei wurden die Regierungen demokratisch gewählt, hauptsächlich allerdings auf der Grundlage nationaler Diskurse, die fast immer vorrangig nationale Interessen und eher kurzfristige Perspektiven darstellen. In einigen Ländern scheint die Idee der politischen Einheit der Union sogar in Frage gestellt und verblasst zu sein. Ganz zu schweigen von den nationalen Medien, die in sog. „autoritären Demokratien“ (Mitglieder der Union!) faktisch gleichgeschaltet wurden. Selbst in liberalen Demokratien suchen wir vergeblich nach einem hinreichend breiten gemeinsamen europäischen Diskurs, der von den Bürgern verschiedener Länder und Sprachen genährt wird. Manchmal stehen selbst die fundamentalen Leitlinien der Union (gemeinsame Werte, Kriterien der Rechtsstaatlichkeit wie Pressefreiheit, Gewaltenteilung) auf dem Spiel. Daher schwankt die Union, die das Vereinigte Königreich gerade verloren hat, und zaudert zwischen einer internationalen Allianz und einer stabilen Föderation, die in der Lage ist, künftige Herausforderungen zu beantworten.

Im Hinblick auf die Bildung eines einheitlichen politischen Handlungswillens stellt sich die Frage: Muss die Union ihre praktische Funktionsweise überarbeiten? Um an der Bildung eines solchen Willens (der mehr ist als der kleinste gemeinsame Nenner aus 27 nationalen Egoismen) teilzuhaben, müssen die Unionsbürger in die Lage versetzt werden, einander in ihren verschiedenen Diskursen in unterschiedlichen Sprachen zu folgen. Daher ist Eurokomprehension bzw. rezeptive Mehrsprachigkeit von Bedeutung. Um deren politische und soziale Auswirkungen zu bemessen, muss man verstehen, dass politische und soziale Diskurse (ob nationale oder europäische) unmerkliche, aber weitreichende Auswirkungen auf Emotionen haben. Sie prägen die Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger langfristig.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die mögliche Rolle der Eurokomprehension beim Aufbau einer europäischen Identität muss analysiert werden. Zu klären ist u.a.: Welche Auswirkungen hat insbesondere die abgestufte und diversifizierte Mehrsprachigkeit auf Meinungen, Befindlichkeiten und gegenseitige Empathie der europäischen Bürgerinnen und Bürger? Was den Fremdsprachenunterricht und das Fremdsprachenlernen betrifft, so stellt sich allerdings die Frage, ob das decision making die Auswirkungen des Fremdsprachenerwerbs auf die politische Bildung erkannt hat.

Natürlich darf niemand das Potenzial der Mehrsprachigkeit für die europäische Identitätskonstruktion überschätzen. Es ist nur ein Steinchen innerhalb eines reichen Mosaiks. Aber können wir es uns leisten, die Bildungschancen zu verpassen, welche die Eurokomprehension für den Auf- und Weiterbau einer Europäischen Identität bietet?

Literatur

Claude Beacco & Michael Byram: From linguistic diversity to plurilingual education: guide for the development of language education policies in Europe. Strasbourg: Council of Europe (Language Policy Devision).
http://www.coe.int/t/dg4/linguistic/Guide_niveau3_EN.asp#TopOfPage 
Sylvie Méron-Minuth & Senem Şahin: Mehrsprachigkeitskonzepte der Europäischen Union. In: Christiane Fäcke & Franz-Joseph Meißner: Handbuch Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik. Tübingen: Narr 2019, 76-80.
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