Romanische Laut u. Schreibregeln

Die folgenden Ausführungen richten sich an Lehrerinnen und Lehrer sowie an fortgeschrittene Lerner fremder Sprachen. Sie stellen kurz und knapp die wichtigsten Laut- und Schreibregeln romanischer Sprachen zusammen, um diese für solche Lerner auf Anhieb verständlich zu machen, die bereits eine romanische Sprache operabel können. In Kombination mit der Lernapp EuroComDidact ToGo laden sie zur Steigerung der Lernwirksamkeit dazu ein, Wörter mit den betreffenden Laut- und Schreibregeln zu verbinden. Die Kenntnis der Regeln führt in kürzester Zeit zum Aufbau von zielsprachlicher Lesekompetenz. Natürlich erleichtert diese den Ausbau von Können im Bereich Schreiben und Sprechen.

Romanische Laut- und Schreibregeln kennen – großen Erfolg in der mehrsprachigen Lesekompetenz erzielen[1]

Du lernst Vokabeln besser, wenn Du Wörter gleicher Bedeutung (Bedeutungs-adäquanz) in verschiedenen Sprachen miteinander vergleichst. Betroffen sind deren Formen, Bedeutungen, grammatischen Eigenschaften und Gebrauch.

Um einen guten Lernerfolg zu erzielen, ist folgendes historisches Kontextwissen hilfreich.

Historische Rahmung

Auf dem Gebiet der heutigen romanischen Länder hat das Lateinische seit jeher das tägliche Leben der Menschen begleitet. Von Wortschatz, Lautstand, Wortbildung und Satzbau her gesehen war indes die Sprache des Volkes – besser: waren die gesprochenen Varietäten des Lateinischen der romanischen Völkerschaften – weit vom klassischen Latein entfernt, wie es in der Literatur und im Lateinunterricht begegnet. Wie sehr die alltägliche Mündlichkeit den ursprünglichen Lautstand veränderte, zeigen die Entwicklungen von lat. AQUA > fr. eau, von MAND(U)CARE > fr. manger und it. mangiare. Zwei Beispiele von vielen. Solche Wörter, die immer in den romanischen Sprachen gelebt haben, heißen Erbwörter (mots populaires). Dem Schriftlatein (das nur ein kleiner Teil der romanischsprachigen Bevölkerung benutzen konnte) blieb es vorbehalten, Sprache der Wissenschaften, der Kirche und des Handels zu sein – und zwar europaweit und weit über die Romania hinaus. Dieses Latein, das vorzugsweise nur den Lesekundigen begegnete, stand immer zur Verfügung; auch wenn es darum ging, neuen Benennungsbedürfnissen mit Bedeutungserweiterungen oder ganz neuen Wortbildungen zu entsprechen. Man fand die Vorlagen im lateinischen und z.T. im griechischen Schrifttum der Antike bzw. dem Latein des Mittelalters und der Neuzeit. Die betroffenen ‚gelehrten‘ Wörter nennt die Linguistik Buchwörter (mots savants internationaux)Sie sind oft international verbreitet. Dies erklärt – besonders deutlich im Französischen – die Existenz von Dubletten: Neben dem erbwörtlichen mère begegnen buchwörtlich maternel, maternité, matriarchat aus der Wurzel MATRE(M). Dubletten sind oft das Ergebnis von Mehrfachentlehnungen. Diese betreffen nicht die Relation ‚klassische Spendersprache‘ > Volkssprache X (it. etimologia remota); statt dessen geschahen Entlehnungen auch aus den verschrifteten Volkssprachen (volgare). Dies betraf im Falle der Buchwörter auch moderne Bedeutungserweiterungen. So geht dt. Demokratie nur vordergründig auf gr. δημοκρατία zurück. Dem altgriechischen Etymon fehlen die entscheidenden Bedeutungen: Volkssouveränität, evtl. politische Repräsentativität (für große territoriale Flächenstaaten unerlässlich), Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Bürgerrechte. Im Vergleich zum heutigen Begriff ist dessen altgriechische und lateinische (democratia) Interpretation ein Torso. Auch die Wissenschaften kreieren Kompositionen aus lateinischen und/oder altgriechischen Elementen: Oxydation, Kommunismus usw. Solche Szientismen sind ebenfalls international präsent.

Regeln[2]

Die Veränderungen zwischen der lateinischen Großmutter der romanischen Sprachen (die Mutter ist das gesprochene Vulgärlatein) und ihren modernen Enkeltöchtern betreffen vor allem die Erbwörter.

A) Vokale

1.      Unterscheide zwischen hellen und dunklen Vokalen. Helle Vokale sind e und i, dunkle a, o, u. – Helle Vokale und dunkle Vokale wechseln nur sehr selten die Gruppe.

2.      Der im Lateinischen sinnbildende Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen besteht in den heutigen romanischen Sprachen nicht.

3.      Betonte Silben sind stabiler als unbetonte.

4.      Am Anfang eines Wortes sind Vokale (und Konsonanten) vergleichsweise stabil: (fourmi, formica, hormiga < *FORMIX, FORMICA); sie ändern sich selten und wenn, dann nur gering (s. B1).

5.      Unterscheide zwischen offenen und geschlossenen Silben. Eine offene Silbe endet auf einem Vokal: MA-RIS, PA-TREM, eine geschlossene mit einem Konsonanten MAN-DU-CA-RE; DAM-NATIO.

6.      Lat. -A- in offener Silbe > fr, -e-: TÁ-LEM > fr. tel it. tale/sp. tal; MA-RE > fr. mer it. mare/sp. mar; fr. -e- < lat. -A- > fr. -e- ist der einzige Fall der Veränderung eines Vokals, der nicht aufgrund eines Konsonantenausschlusses erfolgt und bei dem die Veränderung eine Verlagerung von dunklem zu hellem Vokal bewirkt.

7.      Betonte und/oder lange Vokale im Lateinischen neigen zur Veränderung:

a.     Ē, Ī > /ei/oi/ie/e/i/ : DĒBET > fr. doit it. devve; DĪG(I)TUS > fr. doigt, sp. dedo, it. ditto ; D(I)RĒCTUS > fr. droit ≠ it. dritto ; DE(M) > fr. pied, it. piede ; FĒRIA (vacances, foire) > pt. feira, fr. foire, pt. férias (vacances), sp. feria (Messe), it. fera, an. fair.

b.      Ō > /eu/ue/uo/õ/ : NŌVU(M > fr. neuf, sp. nuevo, it. nuovo; BONU(M), fr. bon, sp. bueno, it. buono, pt. bom ; BŌVIS > bœuf, sp. buey, it. bue.

c.      U > /ou/o/u/ : URSU(M) : sp. oso, fr. ours, it. orso, pt. urso.

d.      AU > /o/ : AURU(M) ≠ sp. oro, fr. or, it. oro.

8.    Doppelvokale (Diphthonge) entstehen im Französischen oft, im Portugiesischen und Spanischen in folgenden Fällen

    1. durch Wegfall eines zwischenvokalischen Konsonanten: CADĒRE > fr. choir, pt. cair, sp. caer ≠ it. cadere (fallen); CLAUDERE > fr. clore ≠ it. chiudere (schließen); CLAUDĒRE (hinken) > it. claudicare, sp. claudicar; PLACĒRE > fr. plaire über afr. plaisir, en. to please ≠ it. piacere, pt. aprazer, sp. placer (gefallen), NOCĒRE > fr. nuire ≠ it. nuocere.
    2. durch Wechsel von -CT- > -it-: LAC-TE(M) > fr. lait > fr. lait [l, pt. leite ≠ it. latte, sp. leche; NOC-TEM > nuit, noite, notte, noche.
    3. durch Veränderungen innerhalb der Tonsilben: lat. VĪTA > afr. [viða] > fr. vie ≠ it. vita, sp. vida. Oder: FĒRIA (Ferien, Messe) > feire, fr. foire, it. fera, sp. feria, e. fair, dt. Ferien.

9.      Das Portugiesische, Spanische und Italienische halten die lateinischen Formen weitgehend bei oder ändern sie nur schwach ab.

10.  Auch der deutsche ‚Bildungswortschatz‘, soweit er auf das geschriebene Latein oder das Altgriechische zurückgeht, verändert die Vokalqualität nicht: PRAEDICARE > dt. predigen, prêcher, to preach), sp. predicar, it. predicare.

B) Konsonanten

  1. Im Anlaut/am Wortanfang sind Konsonanten bis auf wenige Ausnahmen stabil. Veränderungen betreffen:
    1. im Französischen, z.T. im Englischen: C- > ch-: CABÁLLU(M) > cheval; CAT(TUM) > chat [ʃa]≠ en. cat, it. gatto, sp. gato, dt. Katze; CÁNE(M) > chien, it. cane, sp. can; CĀ­PUT/CĀ-PI-TI > fr. chef, en. chief, sp. jefe/cabeza, das Spanische und Italienische innovieren oft nicht (cabo, capo, fr. cap, en. cape, dt. Kap); fr. chiffre ≠ it./pt./sp. cifra < mlat. CIFRA < AR: SIFR (Zero).
    2. im Italienischen: B-, C-, F-, G-, P- plus + L > bi, ci/chi, fi, gi/ghi: fränzisch BLANK > bianco, CLAMARE > chiamare, FLORE(M) > fiore, PLACĒRE > piacere, vlat. GLACIA > ghiaccio.
    3. im Spanischen und Portugiesischen: CL > sp. ll /l/ bzw. pt. ch-, z.B. sp.  llave, llamar; pt. chave, chamar.

2.      Schon zum Zeitpunkt des Untergangs der Stadt Pompei (78 n.Chr.) war das initiale h- verstummt. Im Italienischen taucht es nicht mehr auf: it. abitudine, osteria, erede, esitare, ≠ fr. habitude, heritier, hésiter, sp. habitud, heredero, hesitar. Die Aufrechterhaltung des initialen h- in den anderen romanischen Sprachen erklärt sich durch etymologisierende Schreibweisen.

3.      Lat. F- am Wortanfang begegnet im Spanischen oft als h- [Ø]: faisons ≠ hacemos, fourmi ≠ hormiga.

4.    Intervokalische Konsonanz erfährt vom klassischen Latein zum Französischen hin starke Veränderungen, die zu ihrem Ausstoß führen können. Oft geht dem Konsonantenausschluss Sonorisierung voraus. (vgl. A 7). Die romanischen Sprachen gehen in dieser Entwicklung unterschiedlich weit: AQUA > eau über afr. aigue agua (vgl. A8b zu vie); PLACĒRE > fr. plaire/plaisir, it. piacere, pt. aprazer, sp. placer, auch en. please/pleasant; oder TACĒRE > fr. taire ≠ sp. tacer. Zur Sonorisierung: -T- oder -D-: RATIONEM > it. ragione, pt. razão, sp. razón, fr. raison, en. reason; VĀDO > fr. vais [vɛ], sp. voy ≠ it. vado

5.  Im Zusammenhang mit schwach- oder zwischentonigen Vokalen entstehen nach Lautausstoßung neue Konsonanten(gruppen): lat. MAND(U)CARE > *mantger > manger, mangiare. PRAED(I)CARE > *prēdcer > prêcher, to preach;.

6.      Die Instabilität führt auch bei lateinscher Doppelkonsonanz zur Sonorisierung und regressiver Assimilation: COLUBRA > coulœuvre, sp. culebra (de cristal) (Blindschleiche); manchmal mit rückläufigen Lautangleichungen (regressive Assimilation): CATH(E)DRA > chaire, pt. cadeira; INTEGRA > entier [ɑ̃tje], entière [ɑ̃tjer], entièrement [ɑ̃tjermɑ̃] ≠ sp. entero, pt. inteiro.

7.      Es kommt vor, dass innerhalb von Serien Buchstaben miteinander vertauscht werden (Metathese): FORMAT(I)CUM > fromage; Parfümerie, profumeria; Krokodil, sp. cocodrilo; profil, perfil; CATH(E)DRA > it. cadrega.

F.-J. Meißner


[1] Die folgenden Ausführungen sind ausschließlich für didaktische Zwecke bestimmt. Vollständigkeit bezüglich der Darstellung der historischen romanischen Lautlehre ist nicht beabsichtigt. Für detailliertere Informationen: H. G. Klein & T. D. Stegmann: EuroComRom. Die sieben Siebe. Romanische Sprachen sofort lesen können. Aachen: Shaker 1999 (1. Aufl.).
[2] Schreibkonventionen: () steht für zwischentonige Laute; [] umschließt Transkriptionen; unter einer Serie sind die Bedeutungsentsprechungen ausgewählter Sprachen zu verstehen (Typ: cheese, formaggio, fromage, queijo, queso, Käse…). Sprachkürzel: ar. (Arabisch), de. (Deutsch), en. (Englisch), fr. (Französisch), gr. (Altgriechisch), it. (Italienisch), lat. (Lateinisch), mlat. (Mittellatein), vlat. (Vulgärlatein), pt. (Portugiesisch), sp. (Spanisch); brit. (britisch), am. (amerikanisch); < (aus); > (ergibt);  verschieden von, im Gegensatz zu; * zeigt eine nicht-belegte Form an.
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