Interkomprehension

  1. Unter Interkomprehension versteht man „das Verstehen einer fremden Sprache oder sprachlichen Varietät, ohne diese ihrer natürlichen Umgebung oder durch gezieltes Lernen erworben zu haben“. Die Grundlagen dieser Kompetenz finden sich in Strukturen, die von mehreren Sprachen geteilt werden und den Individuen bekannt sind.
  2. Die Grenzen zwischen Sprachen und Sprachen, Sprachen und Dialekten, Dialekten und Dialekten sind oft unklar und keineswegs trennscharf. Keine Sprache unseres Kontinents ist nicht Teil der europäischen Koîné. Unsere Sprachen verdanken diese Verbindungen hauptsächlich dem Latein, das über tausend Jahre als gelehrtes Adstrat unsere modernen Sprachen bereicherte.
  3. Historisch ist Interkomprehension viel älter als unsere modernen Sprachen, deren Normierungen und soziale Verbreitungen erst wenige Jahrhunderte zurückliegen.
  4. Die umfassende europäische Tradition – Antike, Christentum, Mittelalter, Renaissance, Aufklärung, Industrialisierung und ein moderner Lebensstil – verbindet unsere europäischen Sprachen miteinander, und zwar weit über Sprachfamilien hinaus. Im Wortschatz des Deutschen, Polnischen, Russischen und Niederländischen… gibt es große Anteile von Kognaten altgriechischen, lateinischen oder romanischen Ursprungs. Die lexikalischen Verwandtschaften aus dieser weit zurückreichenden etymologischen Beziehungen (etimologia remota) wurden weiterhin dadurch verdichtet, dass die Zugehörigkeit einer jeden europäischen Sprache zur abendländisch-westlichen res publica litterarum die Angleichung des ererbten Wortmaterials an neue Anforderungen verlangte. Die lexikalische Bereicherung umfasste weiteste thematische Bereiche: Wissenschaften und Anwendungen aller Art, Handel und Erziehung. Kundige sprechen von „gelehrten Filiationen“ (migrazione dotta): Etyma, die sich in antiken Texten nachweisen lassen, wurden mit neuen Inhalten gefüllt. Die Verbreitung des Wissens erfolgte über Bücher, d.h. Universitäten, Städte, Klöster, Schulen und über weitere Orte der Gelehrsamkeit. Last but noch least lieferte das aus dem Griechischen oder Lateinischen stammende Vokabular Elemente (Lexeme und Morpheme), mit deren Hilfe neue Wörter gebildet wurden. Experten sprechen von „neulateinischen Kompositionen“. Vor allem bestehen unsere heutigen wissenschaftlichen Terminologien aus solchen Bildungen.
  5. Beide etymologische Filiationsmuster – das entfernte und das modernere ‚gelehrte‘ – deuten auf eine mehrsprachige Lese- und Schreibkompetenz hin, die regelmäßig mit Interkomprehension einherging. Diese Art der Mehrsprachigkeit machte über mehr als tausend Jahre das Profil des gelehrten Europäers aus. Ohne diese weit verbreitete mehrsprachige Lesekompetenz hätte keine europäische Kultur ihren eigentümlichen individuellen Charakter entwickeln können.
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